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Stefan Ackermann

E-Mail

21.01.2003,
14:11
Begriffsentwirrungantworten
Viele Menschen reden über Qualitätsentwicklung. Oft werden dabei Begriffe unklar verwendet. Deshalb mein Vorschlag zur Begriffsentwirrung. Die ISO-9001 ist kein QM-System und schon gar kein QM-Verfahren - sie ist ein Anforderungskatalog an QM-Systeme (und handelt sich damit einen transzendentalen Begründungs- bzw. Rechtfertigungszwang ein) Die Norm beantwortet lediglich die Frage (die ich mir freiwillig stellen kann): Entspricht mein QM-System, nach dem ich in meiner Einrichtung arbeite, einem internationalen Standard? (und nicht die Frage: Ist dieser Standard für unsere Einrichtung der richtige?) Ein QM-System ist die realisierte Erscheinungsform eines QM in einer Organisation, das etwa in einem Handbuch beschrieben werden kann. Es beantwortet somit die Frage: Wie ist das QM in der Organisation realisiert? Ein QM-Verfahren (wie etwa das GAB-Verfahren www.gab-muenchen.de) ist für mich die konkrete Vorgehensweise, wie ich in meiner Organisation vorgehen (eben verfahren) kann, um ein QM-System aufzubauen. Das Verfahren muss inhaltlich neutral sein, führt also je nach eigener Zielsetzung zu ISO, EFQM, WZQ, Qualitätssiegel, Qualitätstestat, Prüfsiegel etc. oder auch lediglich zu individuellen Lösungen. Es beantwortet die Frage: Wie realisiere ich ganz konkret QM in meiner Organisation? Zertifizierung ist wiederum was ganz anderes: da kommt nämlich ein unabhängiger Gutachter, und schaut nach und prüft, was die Organisation bestätigt haben will: Anforderungen der ISO 9001:2000, ein Qualitätssiegel, ein Qualitätstestat für Weiterbildungseinrichtungen etc. Zertifizierung wird deshalb mit ISO in einen Topf geworfen, weil die meisten Organisationen sich ihr QM nach einem internationalen Standard zertifizieren lassen müssen, weil es ihre Kunden fordern (Automobilzulieferer) und nicht weil es in der Norm steht. In Deutschland gibt es überhaupt keine gesetzlichen Vorgaben nach Zertifizierung nach ISO (also sogenannte staatlich anerkannte Systeme). Hier herrscht purer Markt. In arbeit ist aber die Vorschrift nach externer Begutachtung, wobei hier offen bleiben soll, was begutachtet werden soll. Meine Empfehlung: Hier frei nach dem Motte leben: Wer nicht selbst gestaltet, der wird gestaltet.

A.M. Worel

12.02.2003,
00:07

@ Stefan Ackermann
Begriffsentwirrungantworten
Lieber Herr Doktor Ackermann, vielen Dank! Sie haben wunderbar eindrücklich und höchst komprimiert das Wesen von QSQMQZ vorgeführt und beschrieben: Es geht gar nicht um Qualität, Es geht lediglich um Formalisierung der Handhabung von Verfahren zur Qualitätsanalyse (oder so ähnlich?) Wie banal! Es geht offenbar n u r (n u r !) um die Form - keinesfalls um den Inhalt. Das ist genau das Dilemma - wenn Sie Form und Inhalt trennen, ist der Inhalt weg und die Form kaputt (ana-lysis = Auflösung)oder bestenfalls Sinn-entleert (probieren Se es mal mit einem Krug voll klarem Wasser). Das geht in derr industriellen Produktion ganz gut, weil es da um quantitative Parameter geht, die man formalisieren kann. Aber daß Form und Inhalt im Bereich der sozialen Tätigkeit nicht voneinander zu trennen sind, werden Sie mit dem Formaliserungsansatz nie begreifen.

Stefan Ackermann

E-Mail

12.02.2003,
08:57

@ A.M. Worel
Begriffsentwirrungantworten
“Solange das "Ich sehe" nicht getrennt ist von dem, was gesehen wird und nicht getrennt wird vom Akt des Sehens, solange diese Dreiheit nicht getrennt ist, kann man sagen, dass das "Ich sehe" die Qualität des Moments ist.“ (Die Geburt des Löwen, von OM C. Parkin S.208) TQM, ISO usw. fördern alle eine Trennung vom "Ich handle", es sind objektive - also mit dem Handelnden eigentlich nichts zu tun habende sog. objektivierende Anforderungen an QM-Systeme. So sind sie auch getrennt vom "Akt des Handelns" selbst - diese wir den Organisationen und den darin arbeitenden Menschen überlassen, wie sie das machen. Das GAB-Verfahren versucht jedoch diese Einheit herzustellen: dort heißt es : Situativ angemessenes Handeln. "Ich handle" zusammen mit meinem Klienten ("was behandelt wird") im "Sinn der Handlung" ("Akt des Handelns"). Dieser Sinn wird in der Handlungsleitlinie erarbeitet und vereinbart (bleibt also nicht individuell oder egoistisch). Inhaltlich neutral muss ein Verfahren sein, will es dem Individuum nicht selbstzuerkennende und selbstgesetzte Werte verweigern. Die Verantwortung für die Qualität des Handelns und somit den Inhalt – lieber Herr Worel – die muss jedem Einzelnen überlassen bleiben. Denn jeder Inhalt ohne Form ist genauso schädlich wie jede Form ohne Inhalt. Die Anwesenheit des Sinns der Handlung in der jeweiligen Situation garantiert neben dem "unbefangenen Wahrnehmen" der Handlungssituation die Qualität, die Dreiheit ist nicht getrennt (im angestrebten Idealfall). Auf dem Weg dahin muss das Verfahren alle Mitarbeiter unterstützen, angemessene Kompetenzen auzubilden. Dies passiert im Qualitätszirkel und der Kollegialen Beratung.

A.M. Worel

12.02.2003,
09:39

@ Stefan Ackermann
Begriffsentwirrungantworten
Lieber Herr Ackermann, Jetzt wirds richtig spannend. Ich muß Ihre Antwort aber erst einmal richtig begreifen, und das braucht ein wenig Zeit - wofür ich um Gesduld bitte. Das Handeln hat tagsüber Vorrang, aber ich werde mich wieder melden!

puntino giallo

13.02.2003,
01:18

@ Stefan Ackermann
Begriffsentwirrungantworten
Ich habe da noch einige Einwände/Fragen: 1. Die These der Dreiheit: Die Wahrnehmung, das Wahrgenommene und der Wahrnehmende ist einleuchtend aber nicht neu. In den Sutras des Patanjali, einem indischen Eingeweihten, dessen Geburtsjahr auf ca. 800 bis 300 v. Chr. datiert wird, finden wir eine bemerkenwerte Koinzidenz. Als Innovation würde ich sowas allerdings nicht unbedingt verkaufen. Vor allem ist es etwas unschicklich, diese Geschichte unter dem Label eines QM´s zu vermarkten. M.E. passt diese Geschichte eher in die Rubrik New Age. Überdies haben wir in den Werken Steiners eine unerschöpfliche Quelle, um gerade diese wahrnemungsrelevanten Fragen in der ganzen menschenkundlichen Tiefe auszuleuchten. Der meditative Schulungsweg wird auch da zu qualitativ bemerkenswerteren Ergebnissenn führen, als die Installation irgendwelcher institutionalisierter Verfahren. 2. Handlungsleitlinien werden nicht erst seit der Implementation von QM erarbeitet. Jedes Team erarbeitet sich permanent Leitlinien um die Zusammenarbeit zu gewährleisten. Ich verstehe auch da nicht, warum man sich dazu ein QM installieren muss. Vor allem handelt es sich dabei m.E. um eine „Predigt des Selbstverständlichen“. Dass diese Selbstverständlichkeiten plötzlich durch ein QM vereinahmt werden und ich dafür viel Zeit und Geld investieren muss, grenzt für meine – subjektive – Empfindung ans unmoralische. 3. Ist im Zusammenhang von QM immer wieder vom Klienten die Rede. Bei den mir anvertrauten Seelenpflege-bedürftigen Menschen habe ich allerdings keinen gefunden, der sich in irgendeiner Form als Klient behandelt sehen möchte. Für meine Anvertrauten ist das Wort Klient höchstens für einen Lacherfolg gut. Sie erleben das als ziemlich grotesk! Die konsequente Anwendung des Begriffes „Klient“ hat das ganze sozialpädagogische Arbeitsfeld in fragwürdiger Weise ökonomischen Paradigmen unterworfen, die grösstenteils nur einen marginalen Bezug zur Lebens- und Erlebenswirklichkeit der betreuten und betreuenden Menschen haben. 4. Wie ist es zu erklären, dass unter der Herrschaft der Qualitätsdoktrinen die Kernqualität der heilpädagogischen Arbeit dermassen zurückgegangen ist? Welcher Arzt kann noch eine Wesensgliederdiagnose stellen? Welcher Heilpädagoge ist in der Lage, seinen Schützling aus Erkenntnis durch Identität zu verstehen? Ist das intuitive Verstehen und Handeln durch die nächtelangen Bildschirmsitzungen entwickelt worden? Warum haben ganze Heerscharen an Heulpädagogen heute mehr Freude am 30-seitigen Bericht über den Schützling als am Schützling selbst? Warum gabs im Jahre 2002 keine Religionslehrertagung mehr in der Schweiz? Wieviele Michaelifeiern sind zugunsten der Qualitätszirkel gekürzt oder storniert worden? Wie um alles in der Welt kann sich QM so wichtig nehmen, dass in einigen Einrichtungen die Betreungsarbeit teilweise zum Nebenamt verkam? (Ja. Ja, ich kenne das Argument: QM ist schon richtig, es läuft nur bei der Umsetzung schief) 5. Was hat man von der systematischen Extraktion der mentalen Kapazitäten aus den Einrichtungen zu halten? Da wird doch mit den neugeschaffenen Berater-, Auditoren- und Verfahrensbegleiterkarrieren nur Know How aus der Praxis herausgesogen, um dasselbe zu exorbitanten Honoraren wiederum an die Praxis zurückzuverkaufen. Könnte es sein, dass da die Dreieinigkeit von Handeln, Erleben und Denken einen eklatanten Bruch erleidet? Oder muss man das ganze als Zwischenhandel mit Geistesgut verstehen? Meine Lieben Damen und Herren Schreibtisch- und Quali-Täter; ich habe zuviel gesehen, zuviel gehört und zuviel gelesen von jenem, was ihr mir als Qualität verkaufen wolltet. Ich habe es geprüft und für zu leicht befunden. Die Intelligenz, die Zeit und das Geld welches für QM aufgewendet wird, wäre anderweitig besser investiert. Dies sage ich nicht leichtfertig, sondern nach jahrelangem Ringen, Zweifeln und der aktiven Implementation eines solchen Verfahrens in meiner eigenen Erinrichtung. Puntino Giallo

A.M. Worel

13.02.2003,
02:55

@ Stefan Ackermann
Begriffsentwirrungantworten
Datum:12.02.03 08:57 ""Solange das "Ich sehe" nicht getrennt ist von dem, was gesehen wird und nicht getrennt wird vom Akt des Sehens, solange diese Dreiheit nicht getrennt ist, kann man sagen, dass das "Ich sehe" die Qualität des Moments ist.“ (Die Geburt des Löwen, von OM C. Parkin S.208)"" Ich bin, pardon, etwas dumm und kenne den Löwengeburtshelfer nicht. Ich muß also das zu verstehen suchen, was Sie mir da als einleitende Erläuterung zum Verständnis für den besonderen Charakter von GAB zitieren. Es wird eine zeitliche Bedingung aufgestellt: Erst muß das "Ich sehe" getrennt werden von dem, was gesehen wird (Objekt?), ok? Und e s ("Ich sehe") muß getrennt werden vom "Akt des Sehens". Jetzt wird es richtig spannend. Was ist der "Akt des Sehens"? Worin unterscheidet sich der vom "Ich sehe"? Kann "Sehen" ohne Auge und (zumindest) ohne sinnesempfindende Seele, ja ohne den ordnenden Geist überhaupt stattfinden? Ein Auge ohne Seele ist ein Gallerthaufen, seine physiologische Tätigkeit, die Vermittlung der äußeren Lichtwirkung in die Seele, bedarf deren aktiver Wirksamkeit = Wachheit und ihrer inneren Lichtqualität ("Wär nicht das Auge sonnenhaft..."). Der Schlafende sieht nicht sinnlich, sein Auge ist geschlossen. Die wache Seele ist also ein notwendiger Bestandteil des Sehvorganges - aber ist sie auch ein hinreichender? Die Beobachtung zeigt, daß es unterschiedliche Intensitäten im Sehvorgang gibt: vom starren Glotzen über den Lynkeus bis hin zum Blick in das Auge des Gegenüber. Wer bringt denn diese Intensitäten zustande, wenn nicht das Ich, das dsogar die Augen(In Augenblicken besonderer Qualität des Sehens) zum Sprechen bringen kann?. Also ist "Ich sehe" und der "Akt des Sehens" dasselbe? Nein, in der Begrifflichkeit des Löwenpaten nicht. Ohne den Begriff des "Ich" muß er das "Ich Sehe" und den "Akt des Sehens" mißverstehen als zwei verschieden Dinge. Das setzt voraus, daß das Ich als subjektiv und deshalb irgendwie vernachlässigbar angesehen wird. Im konkreten Fall heißt das: "Ich Sehe" = Subjekt "das Gesehene" = Objekt und dazwischen finde der "Akt des Sehens" statt, gewöhnlicherweise in der Gegenwart zusammen wirkend. Von dieser Gegenwart löse erst die Trennung in besagte Dreiheit. Nun zeigt die unbefangene Beobachtung, daß "Ich Sehe" und "Akt des Sehens" eines sind, hervorgebracht vom Ich, dessen Tätigkeit ich zwar beobachten und gewahren kann, aber nicht sehen. Es kann sich in eben diesem Sehakt über den Abgrund zum Sichtbaren schwingen und es in seine Seele holen: Durch die Tätigkeit des Ich wird das Sinnlich-Sichtbare über sich selbst hinausgeführt, also über-sinnlich und dadurch erst wahrnehmbar. Das ist frappierend: Das Ich verwandelt die Sinneswelt fortwährend mit seiner Tätigkeit durch Seele und Leib in Übersinnliches, in Geist - und zwar in höchst individuellen! Es ernährt sich daraus! Nur das Ich kann Sehen - und: ...aus Ein-Sicht Handeln. Wir bemerken, daß eine Drei-Trennung wie die vom Löwenpaten geforderte, nicht der Realität entsprechen kann und auf der Erkenntnis-Ebene, wo in der Begriffs-Bildung das Trennen erforderlich ist, wegführt vom Erkennen der zentralen Rolle des Ich, als Subjekt und zugleich Objekt, als Ursprung und Ziel dieses Vorganges. In Wahrheit ist es die Dualität, um die es geht: Ich und Welt - Materie und Geist. Will man hier partout eine Dreheit, so muß man wohl oder übel das Licht selbst als Dritten im Bunde gewinnen. Das ist dem ollen Göethe gelungen, und so war er stolzer auf seine lichtwissenschaftlichen Erkenntnisse denn auf all seine Dichtung und Prosa. Nun, Sie führen des Löwengebärers Qualit#ts-Begriff nicht weiter aus, und ich will nicht Mutmaßungen anstellen, warum Sie ausgerechnet diese realitätsferne Beschreibung des Sehvorganges und seinen konditionalen Zeitbezug (Erst wenn... , dann....) zur "Qualität des Momentes", was immer das sein mag, zum Ausgang nehmen, den Unterschied objektivierender QM-Systeme zum GAB-Verfahren zu illustrieren. Es kommt nun ein ganzer dicker Brocken, der dadurch nicht leichter wird, daß ich das GAB-Verfahren nicht aus eigener Anschauung, nicht aus seinen Wirkungen kenne. Ich muß mich also ganz auf das verlassen, was Sie darüber sagen - und das muß ich erst verdauen. Also bitte: Geduld...

Arfst Wagner

E-Mail Homepage

Tellingstedt,
09.06.2003,
15:19

@ A.M. Worel
Begriffsentwirrungantworten
Verfahren hin, Verfahren her. Man mag das, WAS ich mit den Kindern mache, qualitätssichern wollen, wie man will, die Art, WIE ich es mache, ist die Qualität. Und das Meß-, Zähl- und Wiegbare, also die QUANTITÄT, ist meßbar, aber nicht das WIE.
Somit bleibt alle Sicherung bezogen auf Quantität. Und durch die Begriffsverwirrung geht der wirklich Qualitätsbegriff verloren. Das ist das Schlimmste, neben allem anderen Schlimmen. Also: die Qualitätssicherer haben gar keinen Qualitätsbegriff. "Entmündigung durch sogenannte Experten."
Viele Grüße!
Arfst Wagner

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