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Arfst Wagner

E-Mail

18.01.2003,
10:58
Wer sichert.....antworten
Wer sichert eigentlich de Qualität der Qualitätssicherer? Jeder, der mit Qualitätssicherung, oder besser "Qualitätsentwicklung" zu tun hat, frage einmal nach der Autorisierung der "Sicherer"! Wo landet man da letztlich? Erfahrungsberichte erwünscht!! Viele Grüße! Arfst Wagner

puntino giallo

18.01.2003,
21:16

@ Arfst Wagner
Wer sichert.....antworten
Eine weise Frage, Herr Wagner! Dieses Endlosband der Sicherungen wird zum Circulum vitiosus jener, die „Angramain“ immer noch nicht gerochen haben. Mir drängt sich das Bild einer Menschenmasse auf, die trunken vom Qualitätswahn im Kreis ihrer totalitären Gutheitsideen rotiert. Damit die Sicherheit der Qualität und der Sicherer gesichert ist, muss diese natürlich kontrolliert werden. Damit hat man den nächsten Affenzirkus geschaffen. Die Kontrolleure der Kontrolleure müssen kontrolliert und deren Qualität muss gesichert werden. Wer dieses Endlosspektakel wachen Bewusstseins überschaut, dem wird erst schwindelig, dann kriegt er einen merkwürdigen Reiz in der Magengegend. Ich höre bereits den Aufschrei der WzQler: „wir installieren aber Selbstkontrolle“. Nun, das hiess im Sozialismus haargenaugleich; Selbstkontrolle die von anderern Selbstkontrolleuren kontrolliert wird. In Kontrolle verschlingt sich alles Sein! Das „Selbst“ kann man im real existierenden Qualitätismus getrost vergessen. Es dient nur dazu Illusionen zu schüren und die Verkaufszahlen in die Höhe zu treiben. Was die scheinbaren Q-Experten da geschaffen haben, ist ein System der perfekten Selbstsicherung und Kundenbindung; Da Qualität nicht einfach eingerichtet ist, muss sie permanent entwickelt, begleitet und überprüft werden. Es entsteht ein selbstsichernder Wachstumsmarkt, der immer grössere finanzielle und geistige Ressourcen aus den Institutonen heraussaugt. Die Dynamik dieses Geschehens passt exakt in die Zeit der kalten Krankheiten; es bildet sich ein soziales Karzinom erheblichen Ausmasses mit entsprechenden Metastasen. Diese Signatur lässt sich – genauso wie der halbwegs verschleierte Utilitarisms - bis in die Details der Ideologie nachweisen. Fragen sie doch bitte auch mal, was diese „Kultur“ letztlich gekostet hat und noch kostet? Warum weigern sich die – sonst so transparenzversessenen - Qualitäter in den Institutionen so hartnäckig, den zeitlichen und finanziellen Aufwand offenzulegen? Man geht selbstredend davon aus, dass QS/QM gut sei, und sich der Preis auf jeden Fall rechtfertigt. (Investition in die Zukunft) Mit iher Frage haben sie den Finger auf einen der bereits offensichtlichen Misstände der so genannten Qualitätskultur gelegt. Gerade weil es Qualitätssicherheit – im Sozialen - nicht gibt und sie sich nie schaffen lässt, lässt sich diese Illusion hervorragend verkaufen. Es ist wie mit den Sicherheitsgurten im Auto; sie vermitteln ein beruhigendes Gefühl, trotzdem sind die tödlichen Unfälle nicht nennenswert zurückgegangen. Eines aber haben alle Sicherungen mit den Sicherheitsgurten gemeinsam: Sie schnüren ein. Als Kind erlebte ich am Malojapass (CH) einen Unfall. Ein Auto glitt über die Kurve hinaus und stürzte etwa 8 m weit hinunter auf zwei grosse Lärchen. Das Auto blieb ziemlich sanft in den grossen Ästen hängen, deshalb hat der Fahrer – nicht angeschnallt - den Unfall überlebt. Die Beifahrerin – angeschnallt – wurde in den Gurten erhängt! Vielleicht deshalb habe ich mich bei der Berg- und Talfahrt unserer Bewegung entschlossen die Gurten „abzuschnallen“. Mit freundlichen Grüssen: Puntino Giallo

A.M. Worel

03.02.2003,
21:05

@ puntino giallo
Wer sichert.....antworten
Lieber Herr Giallo, das Beispiel mit dem Sicherheitsgurt scheint mir ein wenig zu hinken. Neben der Tatsache, daß die Zahl der tödlichen Unfallfolgen im Straßenverkehr sowohl absolut gesehen als auch im Verhältnis zur Gesamtkilometerzahl erheblich zurückgegangen ist, und die Zahl der tödlichen Unfallfolgen, die durch die Anwendung von 3-Punkt-Gurten vermieden wurden, die Zahl der tödlichen Verletzungen durch Sicherheitsgurte bei weitem übersteigt, lassen Sie in außer Acht, daß "Sicherheit" im Zusammenhang mit den menschengemachten Gefahren der Technik(=Automobil, Flugzeug, Raumfahrt) ganz andere Aspekte hat als "Sicherung" von Qualität wo auch immer, besonders aber im Sozialbereich. Bei den technischen Risiken gibt es "Sicherheit" stets nur als Näherungwert, der statistisch erfaßt und verbessert werden kann, während der Faktor "Schicksal" ausgeblendet wird. Dieser ist ja auch stets individuell (wie Ihr Kindheitsbeispiel sehr eindrücklich zeigt) und in seiner Kausalität nicht auf die technische Ebene (Sicherheitsgurt) reduzierbar. Die verschiedenen Kausalitätsebenen von Schicksal erschließen sich auch nicht dem linearen Denken, sondern bedürfen qualitativer Verfahren, weshalb lineare Kausalitäts-Schlüsse, wie Sie einen solchen aus Ihrem Beispiel ziehen, zu kurz greifen. Konkret: Die Nutzung riskanter Technologien (Automobil)erfolgt gemäß dem "Stand der Technik". Der war zB. 1924 anders als heute(R.Steiner benutzte keine Pferdekutsche, sondern eine der auf dem damaligen (Sicherheits)-Stand der Technik stehenden Limousinen. Er verzichtete nicht auf die dadurch gebotene Sicherheit, deren Erhaltung/Wartung er einem Berufschauffeur überließ). Die Einhaltung von Sicherheitsstandards im Umgang mit Technik ist eine sachliche Notwendigkeit, deren Einsicht Freiheit und damit auch Schicksalsgestaltung überhaupt erst ermöglicht. Technik zu benutzen, die nicht dem Stand der Technik entspricht, ist riskant und m.E. gleichbedeutend mit einer provokativen Herausforderung des Schicksals - hat aber weiger mit Schicksalsoffenheit zu tun als mit Fatalismus oder va banque-Spiel. Mir scheint, der Schicksalsbegriff muß nicht nur in dem vorstehend skizzierten Bereich von "Sicherheit" eingeführt werden, sondern auch auf dem Felde der Qualitätsfragen im Sozialbereich. Sie zeigen sehr deutlich auf, daß es hier eigentlich keine Sicherung gibt, und es ist offensichtlich, daß vieles von dem unter QS laufenden eigentlich eher der (Existenz)Sicherung ihrer Verkäufer dient als der Qualität der in Rede stehenden sozialen Tätigkeit. Qualität im Sozialen hat nur eine Quelle - und das ist die Selbstverwandlung der Persönlichkeit, welche die jeweilige Qualität hervorbringen will. Das kann man weder normieren, noch formalisieren - es geht um Qualitäts-BILDUNG, und die entspringt einer Menschen-Bildung (siehe Wilhelm Meister und Schillers ästhetische Briefe). Fördert man diese individualisierende Bildung (und das ist ein künstlerischer Prozeß), dann wird die sich selbst verwandelnde Individualität offen für die Bedürfnisse des Anderen, sie wird handlungsfähig aus Einsicht und Liebe - den Grundqualitäten des Freien Menschen. Und Qualität im Sozialen - was ist es denn anderes als Förderung der Freiheit der menschlichen Individualität (des Kindes, des Betreuten, des Patienten etc). Das verstehen sozialtheoretisch präformierte QS, QM, QE oder sonstige Q-Experten nicht, weil sie nicht künstlerisch (= sozial praktisch und konkret) tätig sind. Die mit ihm gemeinsam durchgeführte Reinigung seines stuhlbeschmierten Zimmers ist für den autistischen Jungen eine viel realere und wichtigere Qualität als die Sitzungen seiner Betreuer über Beziehungsqualität, Delegationskonzepte etc. Qualität im Sozialen messen, managen, sichern bedeutet: Wasser in einem Sieb durch die Wüste zu tragen, zu einem Dürstenden, der ein Anforderungsprofil erstellen muß, bevor ihm eventuell das Labsal dieses Wassers zugeteilt wird. In der ganzen Qualitätsdiskussion wird m.E. viel zu wenig beachtet, welches Ethik-Verständnis die Begriffsbildung und damit die Q-Konzepte bestimmt. Nur aus einer utilitaristischen oder allenfalls kantianischen Ethik lassen sich überhaupt solche normativen Q-Konzepte entwickeln, die für alle Lebensbereiche den Anspruch der Allgemeingültigkeit erheben und sich den auch noch mit staatlicher Akkreditierung besiegeln lassen. Beide Ethik-Entwürfe haben aber ihre Unfruchtbarkeit bzw. Destruktivität im vegangenen Jahrhundert bereits unter Beweis gestellt. Sie gehören auf den Komposthaufen der Geschichte - wo zweifelsohne auch die entsprechenden Q-Konzepte landen werden, wenn Menschen gewahren, daß sie die Leiden der Patienten nicht zu lindern, die Bedürfnisse der Schüler nicht zu befriedigen, die Entwicklung der seelenpflege-Bedürftigen nicht zu befördern und die Würde der Alten nicht zu stärken vermögen.

Arfst Wagner

E-Mail Homepage

09.06.2003,
15:23

@ A.M. Worel
Wer sichert.....antworten
Lieber Herr Worel!
Danke für das Beispiel t dem Wasser. Hier wird es deutlich: gesichert wird Quantität, die Menge, nicht die Qualität des Wassers.
Aber das sehen Sie wohl genauso.
Viele Grüße!
Arfst Wagner

Arfst Wagner

E-Mail Homepage

Tellingstedt,
10.09.2005,
04:26

@ Arfst Wagner
Wer sichert.....antworten
Es ist schon so, die Qualitätssicherer vermögen meist nicht einmal den Unterschied zwischen Qualität und Quantität zu definieren.

Auslese der Schlechtesten nannte das Rudolf Steiner.
Viele Grüße!
Arfst Wagner

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