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Simon Sabotnik

24.12.2004,
10:38
Rückmeldungskultur: Der Nebel wurde dicker . . . . .antworten
Immmer öfter werden in unserern Institutionen Handlungen praktiziert, die als Gespräche mit Zielvereinbarungen, Rückschau und Entwicklungsgespräche, Rückmeldungen, Mitarbeiterbeurteilungen usw. bezeichnet werden. Mit solchen Handlungen versucht man die Menschen in einem Arbeitsteam oder Kollegium so viel wie möglich mit den Arbeitsaufgaben und und mit dem Arbeitsprozess zu verbinden und die Leistungen zu maximieren. Damit sollte auch die Transparenz in allen sozialen Vorgängen erreicht werden. Ich möchte mich gerne darüber kurz äussern.

Diese Handlungen sind mir unter einem anderen Namen wohl bekannt. Ich bin in einem Land aufgewachsen, wo die sozialistische Selbstverwaltung unter der Leitung des Kommunistenbundes paktiziert wurde. (Damaliges Jugoslawien). Um die Gemeinschaft zu stärken, führte man mit den Arbeitern des Kollektives Selbstkritik-Gespräche durch, die von freundlichen Parteimitgliedern geleitet wurden. Im Gespräch mit einer oder mehreren Personen setzte man sich mit verschiedenen Arbeitssituationen und Eigenschaftern einzelner Menschen auseinander. Mit der Zeit lernte man, wie man reden soll, um die verhängnisvollen Unannehmlichkeiten zu umgehen, denn in solche Gespräche mischten sich oft Neid, Eifersucht und Hinterlistigkeit und man konnte sich dadurch zudem der gewünschten Posten bemächtigen. Das führte schlussendlich zu einer Szene voller Verlogenheit und Korruption, die sich jahrzentelang aufrecht erhalten konnte.

Vor einigen Jahren arbeitete ich in einer anthroposophischen Einrichtung, welche die sog. Rückmeldungskultur und Mitarbeiterbeurteilung konsequent pflegte. Ich musste z.B. an die Tür meines Arbeitsraumes ein Heft mit Kugelschreiber aufhängen, wo jeder Betreuer und Betreute seine Rückmeldung bzgl. meiner Arbeit anbringen konnte.

Ich hielt diese Massnahme für entwürdigend, denn niemand redete mit mir offen und unmittelbar. Einige Male erlebte ich auch eine Mitarbeiterbeurteilung. Es war einfach so: jeder Kollege durfte (musste) sagen, was er von seinen Kollegen hielt. So entstand ein Mosaik persönlicher Eindrücke. Dieses Mosaik nutzte zu weiteren Geschwätzen, zum Taktisieren, zu offiziellen und inoffiziellen Interpretationen, die meist nicht mehr zu den Quellen zurückzuführen waren. Der Nebel wurde dicker, aber die Inspiratoren der Rückmeldungskultur verfügten über das (schriftliche) Material und nannten es Transparenz. Als kompetente und geschulte Fachleute konnten sie sich in diesem Bereich geschickt bewegen und bildeten eine Elite im Hintergrund allen Geschehens - wie die kommunistische Elite im Sozialismus. Die Rückmeldungskultur hat mit "Kultur" nicht gemeinsam; sie ist ihr Gegenteil. Solche Handlungen ermöglichen unberechenbare Angriffe auf die Intimität einzelner Menschen.Mit dem sog. Zielbewusstsein werden die Menschen zu Rädern im Arbeitssystem, ihre wahre Identität wird reduziert und den unwürdigen Wunschvorstellungen unterworfen. Jede Gemeinschaft soll lieber eigene Wege suchen, wie sie ihre Probleme löst, kein intellektualistisches, realitätsfremdes System darf zum bürokratischen Gesetz werden.

Simon Sabotnik

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